Wer nachdenkt, der mordet nicht

Auf Bettina Stangneth kam ich durch diese Besprechung beim Freitag. Ich verliebte mich schlagartig in die wunderbar spielerische Sprache und die zeitgemäß knallharte Scharfsinnigkeit der Philosophin aus Hamburg.

Vernunft, so Stangneth im Buch „Böses Denken“ sei viel weniger als das, was man sich gern darunter vorstellt: etwas Bombastisches und Pathetisches, fast Religiöses. Vernunft sei „ein Faktum und nicht etwa unsere Leistung. Sie ist dem Menschen als eine Art Alarmglocke so natural gegeben wie moralisches Vermögen“. Vernunft ist immer möglich.

Doch warum verfehlen wir permanent unseren moralischen Anspruch an die Vernunft. In dieser Frage lässt sie Immanuel Kant wie mit einer Ohrfeige antworten: „Weil es der Mensch nun einmal kann“! Der Mensch kann die Vernunft ausschalten, und er tut es vor allem, wenn er auf seiner Freiheit besteht, zu tun, was er will. Kant erachtete den Menschen als nicht radikal gut, sondern als verdammt radikal böse. - Und immer mehr, so Stangneth, dominiere seither die Faszination des Bösen.

Nach Kant kam Hitler. Und nach Hitler wunderte sich Hannah Arendt darüber, dass es böses Handeln ohne Absicht gegeben haben soll: Mörder wollten als Täter mit gutem Gewissen gelten. Stangneth zeigt mit Arendt, dass man „Massenmord begehen durfte, wenn man es anständig tat, also diszipliniert und konzentriert, konsequent und gehorsam, pünktlich und gewissenhaft“.

In dieser Banalität des Bösen war man im „Club der Anständigen“ in absoluter Stimmigkeit gegen die Vernunft konditioniert. Was die Nazis auch in der Philosophie nicht arisieren konnten, haben sie getötet. Denken war diskreditiert, Vernunft galt als Irrlicht. Ich muss an meine uralten Eltern (Kriegskinder) denken. Erst Stangneth öffnete mir die Augen hinsichtlich der Tatsache, dass sie dem Unkraut im Garten noch heute auf radikal nationalsozialistische Weise Herr werden.

Stangneth sieht die Nazistruktur bis heute als gesellschaftsprägend. Heute stört Vernunft den neoliberalen Flow. „Statt uns zu fragen, warum die Nazis eine derart große Angst vor der Philosophie hatten, fahren wir fort, die Aufklärung genau in ihrem Sinne weiter zu demontieren“.

„Wer denkt, der stört. Auch sich selbst, denn man muss das Handeln unterbrechen“. Dabei sollten Denker vor allem in Demokratien Helden sein. Der in der Aufklärung als gesunder und voller Optimismus den feudalen Verhältnissen entkommende Anspruch nach Freiheit durch Vernunft gewonnene Handlungsraum wird immer fahrlässiger verspielt und der Unvernunft der Rechten überlassen: „Ein klar überschaubares, alles total durchdringendes Gesellschaftssystem wird immer eine größere Attraktion haben als ein pluralistischer Staat“.

„Aufklärung stirbt durch das Absenken des eigenen Anspruchs“: Wenn die spielerische Anpassung an die Vielen in der Gesellschaft keinen Halt mehr verspricht, so Stangneth, ermächtigt sich das Individuum selbst zum Maßstab anstelle der Vernunft. Heutige Schwurbler folgen Goebbels, dem das deutsche Volk nicht ein Volk des Buches, sondern des Charakters war. Seine Abwertung des menschlichen Verstandes zugunsten der eigenen Urteilskraft führt unmittelbar in die Falle des Identitätspolitischen und der „Subjektivität als Hort des einzig Wahren“.

Stangnetz zeigt den Faschismus in seiner Historie als Tendenz im Heute. „Urteilen geht auch ohne Kenntnis und viel schneller als die Arbeit des Verstandes, der sich an der Mannigfaltigkeit der Welt abrackern muss“. Man setze sich zusehends keiner Information aus, die einem nicht in den Kram passt, man feiere Verschwörungen, fühle sich überlegen, wenn man Fachleuten Respekt verweigert, man tarne die eigene Gewalt als höhere Kultur und zelebriere Öffentlichkeit als bloßes Geschrei. „Das Individuum ermächtigt sich zum Maßstab anstelle der Vernunft ... Wie ein Tier, das von Vernunft nur spricht“.

Im Buch „Hässliches Sehen“ setzt Stangneth noch eins drauf: „Einmal gerufen, wird Hass immer stärker sein als die Vernunft. Es klingt paradox, aber gerade weil Menschen so gern einmal das Gute sehen würden, halten sie sich seit je an das Schlechte der Welt. Das ist nämlich ganz leicht zu finden. Wenn eine Verknüpfung von starken Empfindungen mit Moralbegriffen verlässlicher wirkt als das Denken allein, sucht man nicht nur nach der hässlichen Seite des menschlichen Lebens, sondern braucht sie sogar“.

In anderen Kulturen geht das durchaus anders: positiv. Man blicke nach Asien, wo Weisheit und Weitblick kulturell tief sitzen, wo die Seele noch auf die Vernunft treffen kann. Wir dagegen „fahren immer nur auf Sicht“. Stangneth macht deutlich, wie schlecht wir im Westen nach Aufklärung, Postmoderne und Pegida drauf sind: Wir zerfressen uns am Abgründigen und zerstören unser kulturelles Erbe von Bildung und Gemeinschaft. „Hass ist Anti-Kultur“. Obwohl es die Vernunft trotz allem weiterhin als Option mit Würde gibt.

Seit ich denken kann, frage ich mich, wie kann man nur strunz konservativ wählen! Stangneth gab mir endlich einen Hinweis: „Widerstand ist etwas, das in einem konservativen Weltbild nicht positiv besetzt sein kann, weil hier eher Ordnung als das Unberechenbare gefällt“. Auch Gerechtigkeit und das Soziale sind in der rechten Mitte unterentwickelt. „Wer aber mit den Schablonen des Alten den Sinn für das Neue wecken will, engt sich auf die Erfahrung ein, statt die Welt nach Ideen zu gestalten“.

Im Korsett der Tradition verbieten sich Kritik, Vernunft und Denken. Das Feudale, gegen das die Aufklärung antrat, wirkt bis heute fort. Umso schärfer plädiert Stangneth für die Kraft von Philosophie und Vernunft: Die Aufgabe der Philosophie sei, das Wissen des Menschen um seine kognitiven Fähigkeiten zu verbreitern. Man baue stattdessen aber leider schnurgerade Autobahnen. Wo man doch einmal loszog, die Welt zu erkunden.

Mit einem weiteren Aspekt räumt Stangneth auf: „Bilder sagen gar nichts!“ Bildern könne weder Vernunft innewohnen noch Verstand. Das hässliche Sehen, das sich heute vor allem durch Bilder kommuniziert, verpufft einerseits im Plakativen, andererseits verstärken sie aber platte Ressentiments gegen alles, was denkt: Im Hamsterrad der Unvernunft „reicht die Schlagzeile, denn sie ist laut. Man versammelt sich hinter bunten Geschichten im Nebeneinander von Diätritualen und Weltgeschehen, statt hinter Gedanken. Aufklärung dagegen dauert - und kommt immer zu spät, um ausgleichend zu wirken“.

Es gibt den Begriff des „den Verstand zusammennehmen“. Er will in Leidenschaft auf vernünftiges Handeln fokussierende Taten. Setzt dies nicht kollektiv ein, lässt sich die Zukunft als das Gegenteil des Vernunftgeleiteten vorhersehen. Das wäre Faschismus, wie er in allzu vielen europäischen und nichteuropäischen Staaten bereits heute installiert ist.

Umso wichtiger, wider das Böse und das Hässliche schon im Wahrnehmen und Denken zu agieren. Stangneth ist eine tapfere Ritterin in Sachen Philosophie und lustvoll starkes Denken. War die „Aufklärung hingerissen vom Optimismus“, so sei eine gute Zukunft nur bei klarem Verstand sicher: Nur „wer nachdenkt, der mordet nicht“.